Retro-Trendwatch: Von der Landlust zur Technikgeschichte

nemo - Technik. Damals. Heute

nemo – Technik. Damals. Heute

Seit November gibt es ein Magazin, das für meinen Mann und mich gleichermaßen interessant ist: nemo – TECHNIK. DAMALS. HEUTE. Für mich enthält nemo technikgeschichtliche Details und Anekdoten und für Wolfgang Reparaturbeschreibungen, Tipps und Kindheitserinnerungen.

Ich habe mir nemo einmal genauer angesehen.

Kontinuierlicher Interessenwandel

Seit der ersten Recherche zum Thema SLOW im Jahr 2010 frage ich mich, wie lange der Höhenflug der Landlust und ihrer Klone noch anhalten kann. Nicht, weil mir die Themen missfallen, schließlich bewegt sich SlowLifeLab in der gleichen Themenwelt, sondern weil sich der Zeitgeist kontinuierlich ändert.

Ich beobachtete den Wandel meiner eigenen Interessen und stellte fest, dass mich zwar einerseits das bäuerlich Traditionelle interessiert, aber gleichzeitig das Vorindustrielle und sein Wandel bis zur Gründerzeit. Wie kam es eigentlich zur Industrialisierung? Welchen Weg haben die Gründer der heute bekannten Unternehmerdynastien zurückgelegt? Und warum sind andere gescheitert?

Kann man angesichts des notwendigen Wirtschaftswandels von ihnen lernen und vor allem ihre Fehler vermeiden?

Die erste Meldung bei Kress über das Magazin nemo – Technik. Damals. Heute. hat mich elektrisiert. Ist das nun das erste Magazin, das meine gewandelten Interessen befriedigt? Zudem passt ein Statement aus der Nemo-Präsentation wunderbar zum Selbstverständnis von SlowLifeLab:

Denn nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart begreifen und die Zukunft gestalten.

Und was hat es mit dem Preis von 3,80 auf sich? Gibt es noch mehr Parallelen zur Einführung der Landlust?

Landlust 12/2013 (Foto: obs/landlust)

Landlust 12/2013 (Foto: obs/landlust)

Von folgenden Leitfragen habe ich mich beim Querlesen der aktuellen Ausgaben von nemo und Landlust zusätzlich leiten lassen:

  • Unterstützt nemo, als Magazin für Technikgeschichte, tatsächlich beim Lernen aus unternehmerischen Fehlern?
  • Ist nemo neben FREE MAN’S WORLD ein weiteres LandLust-Pendant für Männer1 oder hat nemo das Potential, die Landlust langfristig ersetzen?
  • Die meisten Selbermachermagazine vermitteln dem Leser einen Nutzwert, der über die aktuelle Ausgabe hinausgeht. Man möchte das Magazin aufheben und immer wieder verwenden 2. Hat nemo einen dauerhaften Nutzwert?

Zeitreise zum Wettbewerb

Die Landlust reist in die Zeiten von Oma und Opa und spricht damit frühkindliche Erinnerungen an deren letzte Tage an.
Nemos Erinnerungen beginnen in der Schulzeit der heute über 35jährigen. In der Rubrik „Entweder – Oder“ wird wie damals über den coolsten Füller, die besten Turnschuhe und den technisch ausgereiftesten Plattenspieler gestritten.

Insgesamt ist das als männlich eingeordnete Phänomen des Wettbewerbs3 in nemo viel präsenter. C64 gegen Atari und den Rest der Welt, ein Opel-Modell gegen den Audi quattro, Apple gegen Samsung … In einigen Anekdoten schwingt Schadenfreude mit. Idole wie Edwin H. Land und die Design-Helden von Sony werden vom Sockel geholt und gezeigt, dass auch sie nur mit Wasser kochen. Nach eigenem Gusto zusammengefügt lässt sich daraus sicher ein unternehmerisches Leitbild basteln.

Ist Wettbewerb die einzige Quelle für Erfolgsgeschichten? Eine ähnlich Frage stellt sich auch ehemalige Apple-Designer Hartmut Esslinger. Das nemo-Interview mit ihm ist vielleicht die nachhaltigste Wissensquelle.

Nutzwert und Tipps für die Zukunft

Von den direkt umsetzbaren Tipps im Heft hat sich die Landlust inzwischen komplett verabschiedet. Wem eines der beschriebenen Projekte gefällt, der soll sich die Anleitung herunterladen, sie mit einem frankierten Rückumschlag bestellen oder fertig gebastelt beim vorgestellten Hersteller erwerben. Noch liegt jedem Heft eine kleine Rezeptsammlung saisonaler Gerichte bei.

nemo begnügt sich nicht mit dem sehnsüchtigen Schwelgen in Erinnerungen, sondern liefert praktische Tipps und Adressen zum Erhalt diverser Technik-Raritäten. Nach der dreiseitigen, groß bebilderten Anleitung zur Wiederbelebung eines Commodore 64 fühle sogar ich mich bestens gewappnet. Bisher, also in der ersten Ausgabe, sind alle Anleitungen, Tipps und Links tatsächlich im Heft zu finden.

Herzerfrischend pragmatisch und ohne Pendant in der Landlust sind die kleinen Boxen zur Hobbytauglichkeit des Artikelthemas. Wer sich fragen sollte, ob er lieber Walkmen, Polaroid-Kameras oder C64 sammeln soll, sieht auf einen Blick, welches Gerät verfügbarer und am wenigsten reparaturanfällig ist. Seltsamerweise fehlt die Infobox jedoch bei den Hobbies Audi-quattro-Sammeln und Mofa-Schrauben.

Klar als wertige Zugabe gedacht ist das „nemo Jahres-Extra“ zum Ausschneiden. In der aktuellen Ausgabe wird das Jahr 1986 auf 7 Seiten vorgestellt.

Politik verstehen

Ohne Pendant im Landlust-Magazin ist das Thema Politik. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Digitialen Überwachung werden beleuchtet. Als Diplom Informationswirtin zieht mich natürlich der Beitrag über Horst Herold und die Anfänge der Rasterfahndung in ihren Bann.

Eine detaillierte Infografik zeigt, wie Prism funktioniert und die Liste der gefährlichen Wörter ist für Übervorsichtige und Spielkinder gleichermaßen aufschlussreich.

Wer gerne ausführliche Hintergrundberichte im Spiegel liest, dem werden auch die nemos Ausflüge in den politischen Bereich der Technikgeschichte gefallen.

Techniksparten

Die erste Ausgabe von nemo deckt eine breite Technikpalette ab. Von Spielwaren über Unterhaltungselektronik und PKW-Technik bis zur Polizeitechnik ist alles dabei.

Von Anfang an enthielt auch die Landlust Artikel zum Thema Technik. Neben Motorsäge, Rasenmäher und Holzspalter wurden auch historische Landmaschinen und andere Oldtimer vorgestellt. Schließlich betreibt der Landwirtschaftsverlag eine der größten Handelslattformen für gebrauchte Landmaschinen und hat mit Titeln wie Top Agrar geballtes Fachwissen im eigenen Haus.

Bemerkenswerterweise stellt die aktuelle Ausgabe des Landlust-Magazins erstmalig eine Dauerbrenner der Unterhaltungselektronik vor: Die Carrerabahn.

Fazit

Nemo wird das Landlust-Magazin zumindest mittelfristig nicht ersetzen. Ganz ehrlich gesagt kann ich mir nur eine kleine Menge der von Landlust inspirierten Foodbloggerinnen, Blumenportraitistinnen und DIY-Bloggerinnen als reine nemo-Leserinnen vorstellen. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass die Landlust und die von ihr inspirierten Medien das Thema Technikgeschichte stärker integrieren.

Nemo wird in seiner aktuellen Form ein gemischtes Publikum mit höherem Männeranteil erreichen. Daran ändern auch zwei Seiten über das Tamagotchi nichts.

Meine Hoffnung, ein Magazin über Learnings aus der ersten Gründerzeit zu finden, wurde noch nicht erfüllt. Aber ein Magazin mit Reparaturtipps für Produkte aus der Zeit der geplanten Obsoleszenz braucht der Markt viel dringender. Und aus neueren Gründerwellen lässt sich sicherlich auch etwas lernen.

Vergleicht man den Nutzwert des reinen Printprodukts, so ist das 100-seitige nemo-Magazin der 202-seitigen Landlust mindestens ebenbürtig. Man kann nemo getrost als SlowMedia bezeichnen.

Sogar das Preisphänomen ließ sich auflösen. Ganz im Sinne des „Lernen von den Besten“ holte man sich Karl-Heinz Bonny ins Boot, bis März 2012 Hauptgeschäftsführer des Landwirtschaftsverlags. Ein Jahr zuvor war Bonny zum Medienmann des Jahres gewählt worden, für den Launch des Magazins Landlust. Er wird im Impressum als Berater für Konzept und Vermarktung aufgeführt 4

Neben dem Wissen von Karl-Heinz Bonny wurde auch der Name wiederverwendet. Wenn auch nur ein paar Auflagen lang zierte er eine Zeitschrift für mediales und vor allem digitales Entertainment aus dem Leipziger Auerbach-Verlag5.

Immerhin 31 Auflagen lang erschien ein Magazin zur Geschichte der Comis namens Nemo, kreiert vom Comic-Historiker Rick-Marshall.

Zahlen und Fakten

  • Website: magazin-nemo.de
  • Verlag: Chip Communications (gehört zu Burda)
  • Chefredaktion: Josef Reitberger

Update 23.05.2014: Im April teilte Herr Reitberger via Mail mit, dass es keine zweite Ausgabe des Magazin nemo geben werde. Die Kritiken seien positiv ausgefallen, der Absatz war jedoch zu schlecht.
Meine Ansicht: Es wäre nicht das erste Magazin, dass ein Jahr später eine neue Chance bekommtn

  1. In einer Heftkritik vom 06.06.2013 vergleicht W&V-Autorin Susanne Herrman die beiden Magazine.
  2. Mit den Worten des SlowMedia-Manifests gesprochen: LandLust, Hardware Hacks und burda style sind zeitlos und auratisch und entsprechen damit Punkt 10. und 11. des SlowMedia-Manifests.
  3. Im August 2013 konnte eine Studie diese Heuristik erstmals belegen.
  4. Mehr über Karl-Heinz Bonny im Landwirtschaftsverlag in Meldungen von Meedia und auf Horizont.net vom 01.02.2012
  5. Pressemeldung auf digitalfernsehen.de vom 20.04.2007.

Veröffentlicht von

Alice Scheerer ist Diplom Informationswirtin und freie Online-Redakteurin. Auf AliceScheerer.de bietet sie einen Blick hinter ihre fachlichen Kulissen und berichtet von Weiterbildungen, Konferenzen und präsentiert Beispieltexte. Gefallen gefunden? Mehr über ihre Dienstleistungen auf der Startseite. Beispiele für Texte rund um das Wiederverwenden bewährter Produkte, Techniken und Traditionen finden Sie auf SlowLifeLab.de.

2 Kommentare

  1. Pingback: SlowLife-Media: nemo, das Magazin für Technikgeschichte auf alicescheerer.de - SlowLifeLab

  2. Pingback: Die erste Presseerwähnung für SlowLifeLab - SlowLifeLab

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