Lessons Learned von der #rp14 und der #mcb14

What we learnt - nicht meckern, besser machen

Poster auf der re:publica: What we learnt – nicht meckern, besser machen


„What we learnt – nicht meckern, besser machen“ stand auf einer riesigen Wand im Eingangsbereich der Station Berlin. Kein Problem! Hier sind meine 11 wichtigsten und weniger wichtigen Lessons Learned von der republica und der media convention 2014. Nicht ganz so ernst wie militärische Handlungsanweisungen, dafür aber spaßiger.

Übrigens: Wer mehr über das Thema Lessons Learned wissen will, kann gleich zur Box am Ende des Artikels springen.

1. Kein Coffee-to-Go vor der re:publica-Begrüßung

Description: In der Begrüßungsveranstaltung werden neben den vier Gründern und Organisatoren allerhand Mitstreiter und Sponsoren vorgestellt. Jeder erhält einen eigenen Applaus. Jedes Mal verschütte ich Kaffee aus dem mitgebrachten Becher oder bin die Einzige die nicht klatscht.
Analysis: Klatschen und Getränk halten schließen einander aus. Wer anfällig für den Mitklatsch-Virus ist, hat sich schnell eingesaut. Wer nicht klatscht, wird hingegen als blasierter Misanthrop abgestempelt.
Solution: Früher kommen, oder den Kaffee wahlweise im Hotel oder nach der Begrüßungsrunde trinken.

2. Lange Vorträge auf mehrere Personen verteilen

Description: Die Begrüßung durch das Orgateam Markus Beckedahl, Andreas Gebhard, Johnny Haeusler und Tanja Häusler (beide Spreeblick.com) schien sehr viel kurzweiliger als die Begrüßung durch Elmar Giglinger, Geschäftsführer des Medienboards Berlin-Brandeburg. Er eröffnete die Media Convention.
Analysis: In beiden Vortragsabschnitten wurden etwa gleich viele Sponsoren und Organisatoren begrüßt. Der vorgetragene Inhalt war also ähnlich. Allerdings lockerte der Sprecherwechsel zwischen den Organisatoren der re:publica deren Abschnitt auf. Der Vortrag von Elmar Giglinger hingegen wirkte monolithisch. Einen Videomitschnitt gibt es hier.
Solution: Im nächsten Jahr sollte auch die Media Convention von mehreren Personen eröffnet werden. Sicherlich steht auch hinter Herrn Giglinger ein interessantes Orgateam.

3. Die Schlangen auf der re:publica sind Kontaktbörsen

Auch hilfreich in der Schlange: Die Tasche mit Wiedererkennungswert

Hilfreich in der Schlange: Die Tasche mit Wiedererkennungswert

Description: Im Supermarkt hält sich meine Begeisterung fürs Schlangestehen in Grenzen. Aber auf der re:publica habe ich gerne angestanden.
Analysis: Auf der re:publica kommt man zwangsläufig mit Vorderfrau und Hintermann ins Gespräch. Oft folgt man beiden schon auf Twitter und freut sich, sie im Real-Life zu treffen. Mit etwas Glück ist es auch ein zukünftiger Geschäftskontakt, mit dem man Visitenkarten tauscht. Wenn man gerade niemanden persönlich kennt oder ansprechen möchte, kann man aus der Schlange heraus prima beobachten.
Solution: Nicht die kürzeste Schlange suchen, sondern die längste.

4. Weise vergessliche Mitmenschen nicht darauf hin, dass sie früher diametrale Meinungen vertraten

Description: Es kommt vor, dass man auf der re:publica Mitmenschen trifft, denen die Konferenz noch vor Kurzem viel zu ’nerdig‘ war. Weist man sie auf die offensichtliche Meinungsänderung hin, erntet man frostige Gesichter.
Analysis: Natürlich fühlt es sich schön an, wenn sich die eigene Ansicht durchsetzt. Wie im Kindergarten möchte man seinen Mitmenschen am Liebsten eine lange Nase drehen. Wer seine Kontakte behalten möchte, sollte sich diesem Drang widersetzen.
Solution: Lächeln. Einfach freundlich lächeln. Diese Lösung ist übrigens hochgradig übertragbar.

5. Monetarisierung: Artikelthemen zuerst einer Printredaktion anbieten. Abgelehnte Themen kommen ins Blog

Diskutierten über Lokaljournalismus im Web und seine Monetarisierung: Isabella David, Annika Stenzel, Juliane Wiedemeier, Natalie Tenberg

Diskutierten über Lokaljournalismus im Web und seine Monetarisierung: Isabella David, Annika Stenzel, Juliane Wiedemeier, Natalie Tenberg

Description: Isabella David, Chefredakteurin von Mittendrin, dem Nachrichtenmagazin für Hamburg-Mitte erklärte im Panel Into the Kiez: Gefahrengebiet Lokaljournalismus, dass sie interessante Artikel zunächst der taz.nord anbietet. Nur wenn diese sie nicht kauft, kommen sie ins Blog. Im weiteren Verlauf des Panels stellte sich heraus, dass Zeitungen manchmal sogar mit Zweitverwertung einverstanden sind, also Artikel veröffentlichen, die bereits in einem Blog stehen.

Analysis: Wenn das Einkommen gerade wichtiger ist als die Regelmäßigkeit der Blogbeiträge, oder das Blog sowieso als Sprungbrett genutzt werden soll, leuchtet diese Vorgehensweise ein. Der Gefahr des Themenklaus kann man begegnen, in dem man den Blogpost vorher komplett oder in Teilen schreibt.
Solution: Kontakte zur Zeitungen und/oder Zeitschriften aufbauen und zukünftige Blogposts anbieten.

6. Telefonieren als Rollenspiel

Description: Juliane Wiedmeier, Gründungsredakteurin der Prenzlauer Berg Nachrichten antwortet im Panel ‚Into the Kiez: Gefahrengebiet Lokaljournalismus‚ auf die Frage nach dem Einfluss der Lokalpolitik auf den Online-Lokaljournalismus:

Ich schreibe was, dann ruft der entsprechende Politiker bei mir an, dann schreit der laut, dann sage ich ‚Das ist OK. Es ist Ihr Job, zu schreien. Mein Job ist es, das auszuhalten.‘

Analysis: Für eher harmonisüchtige Menschen ist es schwer, Beschwerden und Kritik auszuhalten. Gerade, wenn sie laut vorgetragen wird. Mögliche Konfliktherde dauerhaft zu vermeiden ist jedoch unmöglich und zudem langweilig. Sein Gegenüber und sich selbst als Protagonisten in verschiedener Rollen zu betrachten, mildert das Gefühl des Abgelehntwerdens.
Solution: Den Satz „Es ist Ihr Job, zu schreien. Mein Job ist es, das auszuhalten“ neben das Telefon hängen und regelmäßig üben. Griffiger kann man Sachlichkeit bei (scheinbar) persönlichen Angriffen nicht auf dem Punkt bringen.

7. 5 ½ Tage durchgehend ‚Slow TV‘ aus dem Fjord? Kommt an!

Slow TV aus Norwegen auf der Media Convention

Thomas Hellum präsentiert Slow TV aus Norwegen auf der Media Convention

Description: Der norwegische Sender NRK feiert mit Life-Dokumentationen über Fjordfahrten, den ‚Weg der Wolle‘ oder ‚Ein perfektes Holzfeuer‘ landesweite Einschaltrekorde. Die 5 ½ Tage life gesendete Dokumentation einer Fjordfahrt steht inzwischen im Guinness-Buch der Rekorde. Rund ein Viertel der norwegischen Bevölkerung sah zu. Finanziell gesehen hat sich das ‚Slow TV‘-Konzept ebenfalls gelohnt: Die 5 ½ kosteten so viel wie eine vierstündige Dokumentation. Mehr Informationen und ein TV- Ausschnitte sind hier zu finden.

Analysis: NRK ist das größte Medienhaus Norwegens und öffentlich-rechtlich finanziert. Die Norwegische Bevölkerung zu vereinen betrachtet NRK als eines seiner Hauptziele 1. TV-Produzent Thomas Hellum erklärte, dass auch hinter dem Erfolg von Formaten wie ‚Slow TV‘ das Zusammenschweißen der Bevölkerung steckt. Slow TV funktioniere mit jedem Thema das die Nation positiv zusammenhält, so Hellum. Deutsche Fernsehmacher müssten also nur ein positiv belegtes ‚deutsches Thema‘ finden.
Solution: Kostengünstige ‚Slow TV‘ Sendungen über positive deutsche Themen produzieren.

8. Gut besuchte Sessions parallel zu Sascha Lobos Rede zur Lage der Nation? Sind möglich!

Dorothea Martin erläutert Zukunftsträume aus dem 19. Jahrhundert

Dorothea Martin erläutert Zukunftsträume aus dem 19. Jahrhundert

Description: „Die arme Dorothea Martin wird einsam und verlassen sein“ war mein erster Gedanke. Denn nicht nur alle Fans, sondern auch die Kritiker von Sascha Lobo strömten zu Stage 1. Dorothea Martin, Expertin für Transmedia Storytelling, trat zeitgleich mit dem Vortrag ‚Zurück in die Zukunft‚ an.
Anhand von Postkartenserien aus dem 19. Jahrhundert erläuterte sie die Zukunftsvisionen der damaligen Bevölkerung Europas. Was gibt es inzwischen wirklich? Wie weichen die Wünsche unserer Ur-Urgroßeltern von der Wirklichkeit ab? Stage 6 war voll.
Mehr über Dorothea Martin steht auf ihrer Website. Mehr über „Das wilde Dutzend“, den von ihr mitgegründeten Verlag, ist im SlowLife-Interview mit dem wilden Dutzend zu finden.

Analysis: Ich hatte ihr Thema und ihren inzwischen hohen Bekanntheitsgrad unterschätzt.
Solution: Mut zur Vortrags-Konkurrenz. Das Publikum ist inhomogener als man gemeinhin annimmt.

9. Lifestyle Blogger-Sessions nicht unterschätzen!

Rege Diskussion bei der Session 'How to buy a blogger'

Rege Diskussion bei der Session ‚How to buy a blogger‘

Description: Lifestyle Blogger-Panels sind abwechslungsreicher als ihr Ruf. Im Panel ‚How do You Buy a Blogger? – Blogger Relations from a Global Perspective
kam beispielsweise Olga Rasulova zu Wort, die im Bereich Digital Marketing von Philips mit Blogger-Relations in Russland betraut ist. Sie berichtete, dass auf Basis eines im August in Kraft tretenden Gesetzes, russische Blogger mit mehr als 3000 Followern als Pressevertreter gelten und deshalb ihre Blogposts vor der Veröffentlichung kontrollieren und genehmigen lassen müssen.

Oliver Gassner plauderte über seine Erfahrungen bei der Organisation von Bloggerreisen ins europäische Ausland: „Es gibt es immer einen, der nicht bloggt. Aus verschiedensten Gründen“.
Mögliche Gründe seien plötzliche Krankheit, aber auch Zeitmangel. Scheinbar planen manche Veranstalter von Bloggerreisen keine oder zu wenig Zeit zum Schreiben ein, erwarten aber Liveberichte.

Auch die Session ‚Willkommen in meinem Wohnzimmer – Lifestyle-Blogs‘ hat meine Erwartungen übertroffen. Der Moderatorin Indre Zesche und ihren Kolleginnen gelang es, das Thema sachlich und reflektiert zu beleuchten.

Analysis: Ob die Inhalte von Lifestyle Blogs oberflächlich sind, sei dahingestellt. Fakt ist, dass das Phänomen des Lifestyle Blogs inzwischen weltweit vertreten ist und Berichte von und über Lifestyle Blogger und -Bloggerinnen deshalb verschiedenste gesellschaftliche Aspekte berühren.

Solution: Öfter über den Tellerrand schauen. Interessante Themen verstecken sich oft dort, wo man sie am wenigsten erwartet.

10. Aufklärung durch Wissenschaftsblogs funktioniert besser ohne Diskurs

Was kann man von Wissenschaftsblogs lernen?

Was kann man von Wissenschaftsblogs lernen?

Description: Krude Diskussionen unter neutral formulierten Blogposts? Wer kennt die nicht. Wie kommt es, dass manche Leser den Artikel ganz anders interpretieren als man selbst?

Analysis: „Fanatiker kann man nicht überzeugen.“ erklärte Martin Ballaschk in der Session ‚Wen erreicht erreicht die Wissenschaft mit Blogs wirklich?‚. Durch das Gegenüberstellen von Vorurteilen, überzogenen Ängsten und wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen erziele man einen gegenteiligen Effekt. Die Fanatiker filterten den Text analog zu ihrer Überzeugung. Widerlegungsversuche hätten durch diesen Filter verstärkende Wirkung.
Das Gefährliche daran: Biete man Fanatikern in den Blogkommentaren Raum sich destruktiv zu äußern, bestehe die Gefahr, dass sich neutrale Leser ihrer Meinung anschließen.

Solution: Martin Ballaschks Lösung lautet, Blogkommentare über umstrittene Themen zu moderieren, denn der Umgangston in den Kommentaren entscheide über die Meinung der Leser.

Martin Ballaschk ist bekannt durch das Blog Detritus auf der Website der Spektrum-Gruppe und als @gedankenabfall bei Twitter.

11. Utopien Glauben schenken

IDF-Ranking: Der neuste Schrei von 1992

IDF-Ranking: Der neuste Schrei von 1992

Description: Die Wissensgesellschaft, in der Teilen wichtiger ist als Herrschaftswissen. Träumerei!
Semantische Suchmaschinen? Funktionieren nur in Forschungsprojekten mit begrenztem Dokumentenbestand.
Und was waren das bloß für seltsame Vektorrechnungen, mit denen uns Prof. Knorz quälte?
Nun ja, das Semantic-Web steht nach 15 Jahren immer noch ‚kurz vor dem Durchbruch‘ 2. Aber nach Googles Hummingbird-Update interpretiert eine der größten Suchmaschinen die Semantik von Suchanfragen.

Ein IDF-Ranking selbst ausrechnen. Erster Versuch.

Ein IDF-Ranking selbst ausrechnen. Erster Versuch.

Ein gefragter SEO-Texter muss inzwischen WDF*IDF –optimierte Texte verfassen können. Die magische WDF*IDF – Formel ist nicht nichts weiter, als die Vektorrechnungen im Fach Informationsmethodik, durch die wir uns 1999 kämpften.

Analysis: Viele von meinen Kommilitonen und mir als unrealistisch erachtete Utopien sind nach 15 Jahren in der Gesellschaft angekommen.
Structured Journalism, wie er in der Session ‚Assets, Objects, Points: Was Structured Journalism bringen kann‚ beschrieben wurde, ist genau genommen eine Fortsetzung des damals im Fachbereich ‚Information und Dokumentation‘ schwelenden Streits zwischen den Befürwortern strukturierter und unstrukturierter Datenbanken.

Solution: Aussitzen! Viele Utopien werden Wirklichkeit. Es dauert nur länger als man annimmt.

Mehr über Lessons Learned

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Lessons Learned (GB ‚Lessons Learnt‘), auch ‚After-Action-Reviews‘ oder Projekt-Retrospektiven genannt, haben viele Gesichter. Manchmal das eines kathartischen Meetings für das man sich nach Projektabschluss auf ein Landgut zurückzieht, um im Projekt entstandene Konflikte abzuarbeiten. Oder das eines Papierformulars, das man zum Projektabschluss ausfüllen muss, um es dann in der Projektakte verschwinden zu lassen.

Beim amerikanischen Militär und in Hochsicherheitsbereichen wird positiven wie negativen Erfahrungen aus Projekten und Einsätzen ein anderes Gewicht beigemessen. Man beschreibt sie, analysiert sie und leitet daraus Handlungsanweisungen für zukünftige Projekte ab. In Lessons Learned-Datenbanken werden sie unternehmens- bzw. bereichsweit zugänglichen gemacht. Aus besonders einleuchtenden Lessons Learned werden Best Practices abgeleitet, die man beispielsweise in der Mitarbeiterzeitung weiterverwendet.

Früher waren einige US-Lessons Learned Datenbanken offen zugänglich. Spätestens seit 9/11 sind sie alle passwortgeschützt. Hier eine Übersicht.

Auch im Bereich der Softwareentwicklung kennt man einen Verwandten strukturierter Lessons Learned: Das Design Pattern (D: Entwurfsmuster). Die Grundlage hierfür schuf übrigens ein Architekturprofessor. Mit der ‚Pattern Language‚ wollte Christopher Alexander ein allgemeingültiges Regelwerk für menschenfreundliche Gestaltung schaffen.

Speichern und einfaches Überarbeiten von Design Pattern waren übrigens der Anlass zur Entwicklung des Ur-Wikis, WikiWikiWeb. Es ist bis heute online.

Im Jahr 2000 schrieb ich meine Diplomarbeit über das Erfassen und Wiederverwenden von Lessons Learned in Web-Agenturen (bzw. für einen E-Commerce-Integrator). Bis heute hat es sich dort nicht durchgesetzt. Aber, man soll ja an Utopien glauben.
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Alice Scheerer ist Diplom Informationswirtin und freie Online-Redakteurin. Auf AliceScheerer.de bietet sie einen Blick hinter ihre fachlichen Kulissen und berichtet von Weiterbildungen, Konferenzen und präsentiert Beispieltexte. Gefallen gefunden? Mehr über ihre Dienstleistungen auf der Startseite. Beispiele für Texte rund um das Wiederverwenden bewährter Produkte, Techniken und Traditionen finden Sie auf SlowLifeLab.de.

2 Kommentare

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