Fishbowl Social Reading auf der Frankfurter Buchmesse 2013

Titelbild Fishbowl Social Reading auf der Buchmesse

Fishbowl Social Reading auf der Buchmesse

Am 10.10.2013, dem zweiten Buchmessetag, fand nicht nur die Veranstaltung Steilvorlagen für den Unternehmenserfolg, sondern auch eine Veranstaltung des Berufsverbandes Information Bibliothek e.V., BIB, statt.

Die Veranstaltungsbeschreibung wirkte befremdlich. In Kooperation mit der Frankfurter Buchmesse und dem Netzwerk Fachinformation -GeSIG, plane man, die Zuhörerschaft nach einer Einführung in zwei Fishbowls zu splitten. Fischbowls? Golfischgläser?! Ist Badekleidung angebracht?

Der Fishbowl ist eine Methode der Diskussionsführung in großen Gruppen. Die Methode hat ihren Namen nach der Sitzordnung, sie gleicht einem Goldfischglas, um das die Teilnehmer im Kreis herumsitzen. Wikipedia über den Fishbowl (abgerufen am 21.02.2014)

Das Flexible am Fishbowl: Möchte ein Teilnehmer aus dem Außenkreis zur Diskussion beitragen, so kann er in den Innenkreis kommen 1.

Die Diskussionsform Fishbowl (Quelle: Wikipedia)

Die Diskussionsform Fishbowl (Quelle: Wikipedia)

Man entschied sich, das Themas Social Reading thematisch getrennt zu diskutieren. Ein Fischbowl diskutierte die Bedeutung von Social Reading für öffentliche Bibliotheken (Titel in Langform: „Social Reading: Zur Zukunft von Wissenspopularisierung und kollaborativer Kulturarbeit in Öffentlichen Bibliotheken“). Der zweite Fishbowl beschäftigte mit Social Reading im Wissenschaftsbereich (Langtitel: „Social Reading und kollaboratives Lernen in und mit wissenschaftlichen Bibliotheken“).

Was ist eigentlich Social Reading?

Bevor sich die Zuhörerschaft in zwei aufteilte, führte Dominique Pleimling ins Thema Social Reading ein. Dominique Pleimling war bis September 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Buchwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und forschte zum Thema Social Reading.

Laut Dominique Pleimling ist Social Reading ist ein persistentes Gespräch über Bücher. An anderer Stelle ergänzt er: ein online geführter, dauerhafter Austausch über Texte2.

Social Reading führt wieder zurück zur Kultur des Salons, sogar zurück in die Antike. Denn stilles Lesen ist eine neue Erfindung. Über Jahrhunderte hinweg, auch in der Antike, war Lesen laut.

Dominique Pleimling führt in das Thema Social Reading ein

Dominique Pleimling führt in das Thema Social Reading ein

Die Geschichte der Lesegemeinschaften wird hinsichtlich der Teilnehmermotivation unterschiedlich interpretiert. Der wirtschaftliche Aspekt der gemeinsamen Anschaffung hat sicherlich zum Zusammenschluss beigetragen3. Aber man diskutierte die Bücher auch in geselliger Runde. Als Bücher günstiger wurden und Leihbibliotheken aufkamen, ging die Zahl der Lesegemeinschaften zurück.

Heute gibt es Lesekreise

Lesekreise gibt es in jeder größeren Stadt. Sie treffen sich regelmäßig, um über ein Buch zu sprechen, das alle gelesen haben. Man diskutiert, interpretiert und urteilt bisweilen.
Goodreads hat das Konzept des Lesekreises für das Web adaptiert. Leser auf der Suche nach Gleichgesinnten können dort virtuelle Gruppen gründen. Natürlich können sich auch reale, lokal organisierte Lesekreise anmelden. Goodreads verfügt, ähnlich wie Amazon, über eine integrierte Vorschlagsengine4. Anfang 2013 wurde Goodreads von Amazon aufgekauft.

In Deutschland ist die deutschsprachige Plattform Lovelybooks populär5. Der Grundgedanke von Lovelybooks basiert auf dem Erfassen bereits gelesener Bücher zur Interessensbekundung und als Diskussionsgrundlage. Es können sich jedoch auch Gruppen bilden.

SocialReading 2.0

SocialReading 2.0 geht durch das Lesen an digitalen Endgeräten einen Schritt weiter. Die Diskussion findet nicht nach, sondern während des Lesens statt. Der Leser sieht die Kommentare parallel zum aktuellen Abschnitt.

Beispiele hierfür sind Readmill und Sascha Lobos Sobooks6. Beiden ist gemeinsam, dass sie Verhalten und Lesefortschritt protokollieren und für öffentliche Statistiken und persönliche Vorschläge auswerten.

Referent Dirk von Gehlen beschreibt Readmill aus der Perspektive des Autors. Sein Fazit: Durch Social Reading 2.0 kann man Bücher optimieren. Der Autor sieht genau, was die Leser nicht mögen.

Dirk von Gehlen ist Autor von „Eine neue Version ist verfügbar“ (kurz ENVIV)7. Sein außergewöhnlicher Entstehungsprozess machte das Buch weit vor dem Veröffentlichungsdatum bekannt. Im Herbst 2012 suchte von Gehlen auf der Crowdfundingplattform Startnext nach Investoren in sein Buchprojekt. Wer sich bereiterklärte, ein Buch zu kaufen, bevor es geschrieben war, durfte am Schreibprozess teilhaben. Das Finanzierungsziel von 5000 Euro war innerhalb von 5 Tagen erreicht, mit 14 000 Euro wurde das Projekt um fast 200% überfinanziert. Als Abschluss folgte eine Tagung in der Evangelischen Akademie in Tutzing, die von dradiowissen.de als Medienpartner gestreamt wurde8.

Bücher, an deren Entstehung zukünftige Leser aktiv teilhaben, haben eine höhere Book-Discoverability9.

Als weiteres Beispiel für Social Writing, den partizipativen Buchentstehungsprozess, wurde „Happy Zombie Sunrise Home“ genannt (Social Writing über Zombies). Auf der kanadischen SocialReading-Platform Wattpad veröffentlichte die Schriftstellerin und Lyrikerin Margaret Atwood zusammen mit einer Co-Autorin einen Zombie-Serienroman10. In einem Interview mit der Branchenzeitschrift Buchreport erklärt sie, dass bereits Charles Dickens Romane in Serienform veröffentlicht und die Leser mit Briefen geantwortet hätten11.

Für Bibliotheken kann SocialReading bedeuten, die eigenen Datenbanken, den klassischen OAPC, anzureichern.
Für Fachbuch-Interessierte seien vermutlich Verweise und Korrekturen in Form von Fußnoten wichtiger als Meinung und Empfinden. Durch MOOCS12 wird das Thema SocialReading in den Wissenschaftsbereich getragen.

Sowohl im Unterhaltungs- als auch im Wissenschaftsbereich sind sinnvolle Filter vonnöten. Moderatoren müssen Spam filtern und Konflikte lösen können. Mit dieser Anmerkung wird die getrennten Diskussion in Fishbowls eingeleitet.

Social Reading: Zur Zukunft von Wissenspopularisierung und kollaborativer Kulturarbeit in Öffentlichen Bibliotheken

Das Experiment Fishbowl formiert sich

Das Experiment Fishbowl formiert sich

Öffentliche Bibliotheken haben ihren Ursprung im Arbeiterbildungsverein. Bereits in diesem Konzept steckt die Idee des Social-Reading. Auch im Lesezirkel, der heute fast nur noch in Praxen und beim Frisör anzutreffen, steckt die Idee.
Heute sehen die wenigsten Bibliotheken ihre Aufgabe auf das Verleihen gedruckter Bücher beschränkt. Die folgenden Zitate sind der Diskussionsrunde entnommen (und beziehen sich aufeinander):

Die Wahrnehmung von Buchlesern hat sich stark gewandelt. Früher galt das Beschäftigen mit Computern als soziale Einbahnstraße. Heute ist der Computernerd ein Netzwerker.

In unserer Bibliothek ist der Bücherleser nicht zu Hause.

Leseratte und Bücherwurm versuchen wir seit Jahren mit Spray auszurotten.

Die anwesenden Bibliotheksvertreter betrachten ihre Bibliotheken bereits als Literarischen Salons 13.

Die Stadtbücherei Würzburg sieht sich als Gastgeber. In ihren Räumen werden Recherchetrainings für Schüler abgehalten, alle 14 Tage gibt es ein Erzählcafé für Ältere. Leseclubs treffen sich in den Räumen der Bibliothek und der Würzburger Stadtschreiber liest aus seinen Werken.

Anja Flicker von der der Stadtbibliothek Würzburg ist überzeugt: „Die Bibliothek in Würzburg ist ein attraktiver Ort“.

Als Ratschlag für andere Bibliotheken nennt sie: „Man muss den Leuten vermitteln, dass dort nette Menschen arbeiten, eine persönliche Atmosphäre schaffen“. Allerdings verfügt nicht jede Bibliothek über das Budget für einen ausdrucksstarken Imagefilm:

Die Bibliothek ist ein neutraler Ort

Nicht jedem Leser ist wohl bei dem Gedanken, sein Leseverhalten kontinuierlich tracken zu lassen. So wurde auch die Neutralität der öffentlichen Bibliotheken in der Diskussion hervorgehoben. Zwar speichern auch viele Bibliotheken inzwischen sogenannte „Lesehistorien“, man ist sich jedoch einig, dass die Daten in öffentlich rechtlicher Hand sicher sind.

Falsche Konzentration auf Leistungszahlen

Ob fachgerechter Fishbowl, oder nicht: Hier wird angeregt diskutiert.

Ob fachgerechter Fishbowl, oder nicht: Hier wird angeregt diskutiert.

Die bisher erfassten Leistungszahlen bilden eine veraltete Politik ab, so Dr. BerndSchmid-Ruhe von der Stadbibliothek Mannheim. Es wird lediglich die Anzahl der Ausleihen erfasst, aber nicht die Anzahl der Kontakte. Durch die Wandlung zum Salon leiht nicht jeder Bibliotheksbesucher Bücher aus.
Auch das Berufsbild des Bibliothekars ändert sich: Der Medienbestand ist weniger wichtig. Der Bibliothekar gibt Recherchewissen weiter, leitet an und unterstützt.

Wir unterstützen und enablen die Community. Wir haben sogar einen Maker-Space.

Die Bibliothekare äußerten den Wunsch nach einem starken Bibliotheksverband, der sich gegen Buchhandelsmultis wie Amazon behaupten kann. Leider sind öffentliche Bibliotheken unter kommunaler Trägerschaft. Bundesweite Lösungen lassen sich so schwerlich durchsetzen.

Blick über den Tellerrand: Soziale Bibliothek

So mancher sieht die Bibliotheken zukünftig als eine Art digitale Verleger, die Lesehungrige mit digitalisierten Büchern versorgen. Dem steht die ebenfalls in der Diskussionsrunde getroffene Aussage „Wenn es digitales Ausleihen gibt, braucht man keine Bibliothek.“ entgegen. Wozu sollte man zum Recherchieren nach digitalen Gütern das Haus verlassen?

Ein Beispiel aus dem europäischen Ausland lässt Hoffnung schöpfen. Die Finnische Gesellschaft ist hochdigitalisiert. Trotzdem sind die Bibliotheken gut besucht. In der Diskussionsrunde wurde folgende Begründung genannt: Denn auch die Finnen wollen andere Menschen treffen und sich austauschen.

Auch in Deutschland ist ähnliches beobachtbar. Bibliotheken werden als Raum für Twitter- und Bloggerstammtische genutzt. Denn der schriftliche Austausch im Netz vereinfacht zwar die Kommunikation, verringert jedoch nicht das Interesse an Treffen im „Real-Life“.

Bei dem sehnsüchtigen Blick zur finnischen Gesellschaft sollte man jedoch nicht außer Acht lassen, dass in Finnland bereits 2003 ein Aktionsplan (“Library Strategy 2010“) verabschiedet wurde, um die Entwicklung der öffentlichen Bibliotheken weiter voran zu treiben. Dieser Plan schreibt vor, dass die Bibliotheken eine umfassende Rolle bei Ausbildung und Lehre innerhalb dieses Landes einnehmen 14.

Schlusssätze

Am Schluss der Diskussion stellen die Teilnehmer fest, dass man sehr wenig über SocialReading, aber sehr viel über das Modell Bibliothek gesprochen hatte. Ein Teilnehmer betonte den Aspekt der Bildungsgerechtigkeit. Die Bibliothek ist der Ort, an dem Bildungswillige ohne Internetzugang, ohne Smartphone und andere Gadgets Zugang zu Wissen aller Fachrichtungen erhalten.

Wibke Ladwig erwähnte eine Erfahrung mit Büchern, die man nur in öffentlichen Bibliotheken machen kann: Bemalte Bücher. Unikate.

Weitere Schlusssätze:

Bibliotheken müssen agiler werden

Bibliothek und Kunde sollen auf Augenhöhe sein

  1. Details zur Regelung beim Kreiswechsel im Wikipedia-Beitrag zum Thema Fishbowl.
  2. Quelle: Dominique Pleimling; Social Reading – Lesen im digitalen Zeitalter auf der Website der Bundeszentrale für Politische Bildung.
  3. Vgl. die Lesegemeinschaft als Buchquelle für Jakob Simon in „Die andere Heimat“, erwähnt in SlowLifeCinema – Die andere Heimat.
  4. Website von Goodreads.
  5. Website von Lovelybooks.
  6. Wbsites: Readmill und Sobooks.
  7. Mehr über Dirk von Gehlen auf dirkvongehlen.de, mehr über das Projekt auf enviv.de
  8. Mitschnitte finden sich auf der Website von dradiowissen.de. Der Hashtag bei Twitter war #enviv.
  9. Steffen Meier hat im Blog Meier meint sehr schöne Ergänzungen zu diesem Thema zusammengestellt. Meier ist Leiter Verlagsbereich Online im Ulmer Verlag.
  10. Happy Zombie Sunrise Home auf Wattpad.
  11. Zitatquelle und mehr dazu im Interview mit Margaret Atwood auf Buchreport.de
  12. Massive Open Online Courses, vgl. Wikipedia über Moocs.
  13. Mehr über den Begriff des Literarischen Salons bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Literarischer_Salon
  14. Quelle und mehr Information auf libess.de

Veröffentlicht von

Alice Scheerer ist Diplom Informationswirtin und freie Online-Redakteurin. Auf AliceScheerer.de bietet sie einen Blick hinter ihre fachlichen Kulissen und berichtet von Weiterbildungen, Konferenzen und präsentiert Beispieltexte. Gefallen gefunden? Mehr über ihre Dienstleistungen auf der Startseite. Beispiele für Texte rund um das Wiederverwenden bewährter Produkte, Techniken und Traditionen finden Sie auf SlowLifeLab.de.

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